Südfrankreich und Süditalien sind nicht nur beliebte Urlaubsregionen, sondern auch eine Quelle von zahlreichen exzellenten Weinen. Abseits der berühmten Appellationen der nördlicheren Breiten, lassen sich hier z.Z. noch wahre Wein-Schnäppchen finden, zumindest wenn man sich die Zeit nimmt die Spreu vom Weizen zu trennen. Beide Regionen erleben derzeit eine Neuentdeckung und Wiederbelebung der historisch verwurzelten Weinlandschaft. Namen wie Languedoc, Roussillon, Kampanien, Apulien, Sardinien werden längst wieder mit Wein in Verbindung gebracht. Doch trotz dieser Gemeinsamkeit entwickeln sich die Südregionen beider Länder auch sehr unterschiedlich.
Süditaliens Stärke sind die zahlreichen autochthonen Qualitätsrebsorten. Negroamaro, Aglianico, Nero di Troia, Primitivo, Nero d'Avola, ,... sie alle bieten den Reiz des Neuen und Unbekannten und eröffnen auch der stark genossenschaftlich und in Großbetrieben strukturierten Weinlandschaft des Südens (v.a. Apulien) eine Marktnische im Billigsegment abseits des von Cabernet, Merlot und Chardonnay aus Australien, USA und Chile dominierten Marktes. Dass viele Produzenten auch im Eichenfass gereifte Lagerweine hervorbringen, macht die Weine auch für Qualität suchende Weintrinker interessant. Auch hier sind die Preise noch vergleichsweise niedrig, wobei gerade auf Sardinien und in Kampanien ja einige international bekannte Kellereien auch längst Spitzenweine mit ebensolchen Preisen produzieren.
In Südfrankreich schaut die Sache etwas anders aus. Zwar ist die große Region zwischen den Pyrenäen bis nach Italien auch eine historische Weinregion, allerdings waren abseits des berühmten Rhone-Anbaugebietes die meisten der alten Weingärten mit Rebsorten bepflanzt, welche zwar für einfachen Landwein und die Armagnac-Produktion zufrieden stellend sind, aber im Qualtätsweinbau nur wenig Erfreuliches hervorbrachten. Angesichts des sinkenden Interesses an einfachen Tischweinen musste die Region reagieren. Weinberge wurden gerodet, viele Nebenerwerbswinzer mussten in den letzten Jahren ihre Jobs aufgeben, und dort wo weiterhin Weinbau betrieben wird, fanden neue Rebsorten ein zu Hause. Nach ersten eher erfolglosen Versuchen mit Cabernet Sauvignon und Merlot, wurden auch im Languedoc-Roussillon die an der südlichen Rhone typischen Rebsorten Syrah, Grenache und Mourvèdre zu den wichtigsten Sorten. Wobei im Languedoc besonders Syrah den Ton angibt, während an der südlichen Rhone die Grenache-Traube dominiert. Oft findet sich auch ein Schuss Carignan von alten Rebstöcken in den Weinen. Mit diesen sonnenverwöhnten, fruchtigen und oftmals durchaus lagerfähigen Weinen katapultieren sich die Appellationen Südfrankreichs langsam aber sicher zurück auf die Weinkarten der Welt. Das liegt auch an den zahlreichen engagierten Familienbetrieben und den kleinen Genossenschaften, letztere besonders im Roussillon. Abseits der Rhone wird weiterhin viel experimentiert - die in Frankreich sonst so strengen Weingesetze sind im Süden relativ großzügig und flexibel - und so wird sich in den nächsten Jahren weiterhin viel bewegen. Viele Subregionen müssen ihren eignen Stil erst noch finden, bis dahin sind die einzelnen Produzenten wohl wichtiger als die Appellationen.
Genug der einleitenden Worte, letztlich zählt was im Glas ist. Daher gab es vor kurzem die Idee einer privaten Vergleichsverkostung mit Weinen aus beiden Regionen. Hier meine Notizen und Empfehlungen:
Italien:
Li Veli Passamante 2007, Salento, Apulien (ca. 9-10 Euro, u.a. Wein&Co)
Reinsortiger im Stahltank ausgebauter Negroamaro aus dem Salento in Apulien. Die Masseria Li Veli ist ein Projekt des toskanischen Weinunternehmens Avignonesi. Üppiger rote und dunkle Früchte in Nase und am Gaumen. Zuerst auch eine leicht mineralisch-blutige und erdige Note. Dann setzen sich die für Negroamaro typischen Süße- und Bitternoten durch. Trotz der üppigen Frucht erstaunlich frisch und leicht. Ein feiner, wenngleich etwas einfach gestrickter "Gesellschaftswein". Auch für laue Sommerabende am Balkon eine Empfehlung. Trinkreif - 2011. - 87 Punkte
(Das Weingut auf Google Earth: 40°27'27.70"N 17°57'46.86"E )
Cantine Due Palme, Selvarossa Riserva 2004, Salento, Apulien (ca. 10 Euro, u.a. Wein&Co)
Der Spitzenwein der großen Genossenschaftskellerei Cantine Due Palme überzeugt mit Dichte und Frucht. Tolle Farbe; in der Nase ein dunkler Fruchtcocktail mit Lakritzaromen, Schokotouch, einer ausgeprägten Fruchtsüße und einer herben Coca-Cola Note. Ungemein füllig und geschmeidig, gute Säure und perfekt eingebautes geschmeidiges Tannin. Ein wirklich toller Weinwert, wenn einen die Süße nicht stört. Als Essensbegleiter ist er nicht wirklich empfehlenswert. Trinkreif - 2011. - 88 Punkte
(Das Weingut auf Google Earth: 40°28'37.43"N 17°57'46.86"E )
Vinosia Aglianico 2007, Irpinia, Kampanien (ab ca. 8 Euro)
Die junge und moderne Kellerei Vinosia wird von den (Ex-)Önologen der berühmten Kelleri Feudi di San Gregorio geführt. Die Weine basieren auf traditionellen Rebsorten, aber sind modern ausgebaut. Die hohen Bewertungen von Luca Maroni und dem Weinwisser für das umfangreiche Sortiment zeugen von einem gelungen Start. Dieser "Standard"-Aglianico stammt vom hügeligen und vulkanisch geprägten Hinterland Neapels. Der würzige, saftige und fruchtbetonte Wein ist derzeit noch von massiven Tanninen geprägt, welche von einer erfrischenden Säure und dunklen Amarenakirschen gekontert werden. Zusammen mit den mineralischen Anklängen und der dezent vanillig-würzigen Holznote zeigt sich der Wein durch und durch italienisch - sprich ein hervorragender Essensbegleiter. Einziges Manko: Im Nachgeschmack ist der Wein dann doch erstaunlich schlank und eher kurz. Trotzdem ein klasse Tropfen um diesen Preis. Sollte sich noch etwas in der Flasche entwickeln. - 88+ Punkte
Torrevento Riserva Vigna Pedale 2005, Castel del Monte, Apulien (Billa: € 5,99 !!!)
Dieser reinsortige Wein aus Nero di Troia stammt wieder aus Apulien, diesmal aus der Region Castel del Monte. Tolles Fruchtspiel in der Nase: exotische Gewürze, Kirschen und Zwetschken. Auch am Gaumen faszinierendes Kirschen-Zwetschken-Spiel mit exotischer Würze, Tabak und dezentem Holzeinsatz. Ausgesprochen elegante Stilistik, fast nördliche Kühle ausstrahlend, dennoch tiefgründig und mit sonnenverwöhnten aber noch etwas anspruchsvollem Tannin. Ein bis drei Jahre im Keller sollten dem Wein durchaus noch gut tun. Für mich der Wein des Abends! Für die 6 Euro, die der Wein beim Billa kostet, ist er wirklich sensationell gut. Sicher derzeit einer der besten "Supermarktweine" in Österreich und vielleicht der günstigste 3-Gläser Gambero Rosso Wein. Im deutschen Weinhandel kostst der Wein meist um 8 Euro. PROBIEREN dringend empfohlen! - 91 Punkte
Frankreich:
Domaine Valambelle Florentin Abbal 2004, Faugères, Languedoc-Roussillon (ca. 9 Euro)
Diese Cuvée aus der Region Faugères vereint Syrah (80%), Grenache (10%) und Mourvedre (10%) und zeigt sich süffig und mit angenehm ländlichem Touch. Im Stahltank ausgebaut steht die leichte und frische rotbeerige Frucht im Vordergrund, gepaart mit erdigen und würzigen Noten. Runde Tannine, ein Hauch von weißem Pfeffer und Lakritze kommen noch dazu, und so ergibt sich ein ehrlicher, würziger und typischer Vertreter des Languedocs, der nun perfekt zu trinken ist. - 88 Punkte
Château de Lancyre Vieilles Vignes 2005, Pic St. Loup, Languedoc-Roussillon (ca. 10 Euro)
Das Anbaugebiet Pic St. Loup gehört zu den kühleren Zonen des Languedoc. Auch die vom Kalk geprägten Böden sind ein Markenzeichen von Pic St. Loup und ergeben im Idealfall feingliedrige mineralisch geprägt Weine. Diese Cuvée besteht aus Syrah und Grenach. Tolle purpurne Farbe, aber sehr verhaltene Nase. Tanninbetont am Gaumen, sehr viel Struktur, die auf lange Haltbarkeit schließen lässt, aber die Frucht ist im Vergleich zu den anderen Weinen heute Abend sehr zurückhaltend. Die Holznoten sind leicht bitter und unsauber (Brett?). Derzeit unausgewogen und ein wenig eindimensional. Vielleicht in 2-3 Jahren besser, aber ganz überzeugt bin ich davon nicht. - 86 Punkte
Domaine les Grands Bois Cuvée Philippine 2007; Côtes du Rhône Villages (ab ca. 8 Euro)
Dieser Côtes du Rhône Villages aus dem hoch gelobten 2077er Jahrgang gehört für Robert Parker zu den Top-Wein-Werten des Jahrgangs. Leider war keine Zeit zum Belüften und das hat man dem Wein dann doch deutlich angemerkt. Sehr verschlossen und wenig Frucht. Trotzdem zeigte ich eine tolle feine Tanninstruktur, saubere dunkle Fruchtanklänge, leicht rauchige Noten, etwas Milchschoko und eine pfeffrige Würze. Der Alkohol ist perfekt eingebunden. Ein sehr guter Essensbegleiter, der aber am besten noch 1-2 Jahre auf der Flasche ruhen sollte. So begeistert wie Robert Parker, war von uns niemand. Ein sehr guter Côtes du Rhône, zum sehr guten Preis, aber auch nicht mehr. - 88+ Punkte
(Das Weingut auf Google Earth: 44°14'24.76"N 4°53'5.85"E ?? )
Domaine de la Tourade 2003, Gigondas
Dieser Gigondas war leider eher eine Enttäuschung. Der Hitzejahrgang 2003 macht sich leider deutlich durch den hervorstechenden Alkohol bemerkbar. Portig und bereits leicht oxidiert (bei Grenache ist das ja oft ein Problem) mag er nicht wirklich gefallen. Auch die schöne Würze, elegante Tanninstruktur und gute Säure könne da nichts mehr retten. Es fehlt an Balance. - 81 Punkte
Domaine Roc des Anges Vieilles Vignes 2003, Côtes du Roussillon Villages (ca. 15 Euro)
Carignan dominierte Cuvée aus dem Roussillon. Tolle dunkle Farbe. Rote und Dunkle Beeren in de Nase. Am Gaumen tanninbetont, komplexe Struktur, dicht, dennoch frisch und süffig, noch sehr jung wirkend. Die dunklen Beerennoten werden von reichlich dunkler Schokolade und exotischen Gewürzen begleitet. Toller, lang anhaltender Abgang mit viel Bitterschoko im Nachhall. Alle, die glauben, aus Carignan ließe sich kein großer Weine erzeugen, sollten diesen Wein probieren. Ein perfektes Beispiel für die Qualität von alten Carignan-Reben. Ist seinen höheren Preis wert. - 90 Punkte
(Das Weingut auf Google Earth (Ort Montner): 42°44'57.72"N 2°40'37.96"E )
Domaine de Familongue Les 3 naissances 2003, Coteaux du Languedoc (ca. 15 Euro)
Das besondere an dieser Cuvée aus allen wichtigen Resborten des Südens ist, dass sie nicht nur im Barrique ausgebaut, sondern auch fermentiert wurde. Ob dies der Grund für die Geschmeidigkeit der Tannine ist (oder doch die mehrfache Mikrooxidation ?) weiß ich nicht, aber der Wein begeistert durch seine weiche und dichte Struktur. Samtig wie ein guter Burgunder, nur deutlich stoffiger und konzentrierter. Feine dunkle Beerenfrucht, dezente Würznoten, jede Menge Milchschokolade, ein Hauch von Vanille, ein dezent erdiger Touch und eine angenehme herbe Note im Nachgeschmack machen den Wein zu einem stimmigen und genussvollen Gesamtpaket. Perfekte Trinkreife erreicht. Sehr empfehlenswert, wenngleich ebenfalls etwas teurer. - 90 Punkte
Aromatic Food Calls for Aromatic Wine
Vor 5 Stunden
