Alles Jahre wieder ehren die Weinjournale ihre Top 10 oder Top 100 des Jahres. Dieses Jahr darf ich mich also "stolzer" Besitzer von 6 Weinen der Top 100 des Wine Spectator nennen. Mir ist's egal, Hauptsache die Weine schmecken mir, wenn die Flaschen geöffnet werden. Aber Weinhandel und Weingüter sind aus wirtschaftlichen Gründen natürlich an einem guten Abschneiden ihrer Weine interresiert. Gute Bewertungen bringen nunmal viel Geld in die Kassa. Und bei manchen Weinen gingen die Preise mit Bekanntwerden der Listen auch gleich sichtbar in die Höhe.
Bei der Auswahl der Top-Weine gelten bei Wine Spectator, Decanter und Co. stets eigene Kriterien. Solange es bei Verfügbarkeit, Bewertung, Preis etc bleibt ist es ja zumindest ein lustiges jährliches Weinspekatel zur Weihnachtszeit, dass unter Weinfreunden (vor allem in den USA) doch zumindest für reichlich Diskussionsstoff sorgt. Dieses Jahr bin ich beim Durchblättern des Decanter Magazins unter den Top Weinen des Jahres auf einen alten Bekannten getroffen - das Chateau Couhins aus Péssac-Léognan (Bordeaux). Aufmerksame Leser wissen bereits, dass ich einen familiären Draht zum französischen Agrarinstitut INRA habe, welches u.a. dieses Weingut zu wissenschaftlichen Versuchszwecken führt. Bis vor ein paar Jahren wurden die Weine ausschließlich an Mitarbeiter ausgegeben. Seit Kurzem werden sie auch national und international vermarktet - zum Leidwesen der Mitarbeiter, die nun spürbar mehr zahlen müssen. Die Weine sind durchaus ansprechend und repräsentativ für die Anbauregion, hervorragend sind sie meiner Meinung nach aber bislang nie gewesen. Dass der Decanter den weißen Chateau Couhins 2007 (zugegeben ein laut Meinung der Fachexperten sehr feines Jahr für weißen Bordeaux) mit der Höchstbewertung von 5 Sternen (entspricht >18 Punkte) bewertet und als eine der Empfehlungen des Jahres preist, fand ich doch etwas merkwürdig. Vinum, Weinwisser, Quarin und la Revue des Vins de France sind mit ihren 14-16 Punkten doch einheitlich und deutlich weniger euphorisch, wenn es um die Bewertung dieses Cru Classés geht. Die Tatsache, dass einige Ausgaben vorher eine ganzseitige Anzeige von Chateau Couhins auf der Coverseite des Decanter prangte, machte mich doch ein wenig nachdenklich. "Honi soit qui mal y pense", heisst es ja passenderweise beim englischen Königshaus. Oder in der deutschen Übersetzung: "Ein Schelm, wer schlechtes dabei denkt".
Ob ein Zusammenhang zwischen Bewertung und Anzeige exisitiert oder nicht, lässt sich natürlich nicht nachvollziehen und soll hier auch niemandem unterstellt werden, aber für mich stellt sich zumindest mal wieder die generelle Frage, wie "ehrlich" es bei den großen Weinjournalen denn wirklich zugeht, bzw. wieviel Werbung und Marketing in die Weinbewertungen hineinpfuschen (können). Können Weinbewertungen überhaupt neutral sein? Sicher nicht. Da sind wir uns wohl alle einig. Bewertungen sind immer auch Ausdruck persönlicher Vorlieben des/der Verkoster(s). Aber wo liegen bei Weinjournalen und Weinbewertern die akzeptablen Grenzen zwischen Neutralität und wirtschaftlicher Befangenheit? Ist es okay, das Weinbewerter (private) Reisen von Weinimporteuren geschenkt bekommen (geschehen beim Wine Advocate)? Ist es okay, dass im Bewertungs-Team, z.b. von Falstaff, große Wein-Einkäufer sitzen (z.B. von der Interspar-Weinwelt), die das Sortiment ihrer Vertragswinzer bei Offenverkostungen natürlich genau erkennen können? Ist es okay, dass Weinlisten von Restaurants gelobt werden, die es gar nicht gibt (die aber brav gezahlt haben), wie dies vor einigen Jahren beim Wine Spectator der Fall war? Diese Fragen muss wohl jeder für sich beantworten, aber Vertrauen ist etwas Kostbares, mit dem kein Wein-Unternehmen und Wein-Journal zu offenkundig spielen sollte. Was denkt ihr? Am Ende gilt wie eh und je: Trinken tut man Weine und nicht Punkte. Also trinkt was euch schmeckt und lasst Punkte und auch einfach mal Punkte sein. Und das gilt selbstverständlich auch für meine Bewertungen hier auf dem Blog. Nur wer selbst verkostet, weiß was ihm/ihr schmeckt und was wirklich in der Flasche ist. Jeder Winzer und jeder gute Weinhändler lässt Sie Weine verkosten. Nutzen Sie diesen Service. Santé! ;-)
Aromatic Food Calls for Aromatic Wine
Vor 5 Stunden